19.01.2012 #s21 Die Verführbarkeit der Stuttgarter Medien #cams21

Offener Brief an Josef-Otto Freudenreich, Kontext:Wochenzeitung


Lieber Herr Freudenreich,

offenbar hat die Kontext:Wochenzeitung ordentlich Gegenwind erhalten wegen Ihrer Einbettung in die Arme(e) der Polizei während der Räumung der Straße am Schlossgarten. Nicht anders ist Ihr Artikel "Ein Schritt daneben" zu verstehen, in dem Sie sich nochmals rechtfertigen, warum sie sich haben einbetten lassen. Ich bin froh über diesen Gegenwind und erschreckt über Ihre Reaktion darauf! Natürlich ist es immer gut, auch mal ein Schritt neben sich zu stehen - man sollte aber tunlichst darauf achten, wo man steht, denn am Abgrund (und Ihre Zeitung steht bei Weitem nicht auf festem Grund) lässt man das wohl besser. Aber Sie haben sich anders entschieden.

Neben Ihrer Rechtfertigung, dass Sie ja nicht nur eingebettet gewesen wären, sondern auch uneingebettet vor Ort waren, so also beide Sichten hätten, ist in meinen Augen scheinheilig, denn darum geht es ja gar nicht. Und wenn Sie Ihren Kritikern vorwerfen, "überall nur Feinde zu wähnen" und damit implizit sagen, dass die Gegner von S21 nicht differenzieren könnten, sondern alle und jeden über ein und denselben Kamm scheren würden, liegen Sie auch falsch und haben ganz offensichtlich nicht verstanden, um was es hier geht. Und genau dieses Unverständnis erschreckt mich zutiefst und lässt mich zweifeln, ob ich Kontext wirklich weiterhin unterstützen möchte!

Ich will versuchen, Ihnen zumindest meine Kritik an Ihrem Verhalten darzulegen: meine Kritik an Ihrer Einbettung speist sich aus der Gewissheit, dass Sie ein zentrales Stück Ihrer journalistischen Seele verkauft und damit der gesamten anderen schreibenden und berichtenden Zunft einen Bärendienst erwiesen haben. Anstatt konsequent die Fahne der Pressefreiheit hoch zu halten und zu verteidigen und darauf zu pochen, als Journalist ungehinderten Zugang zu dem geplanten Einsatz zu erhalten, wie es Ihr gutes Recht gewesen wäre, haben Sie sich verführen lassen. Die Polizei hat Ihnen ein Stöckchen hingehalten, und sie sind darüber gesprungen, anstatt sich das Stöckchen genau anzusehen, wie es Ihre journalistische Pflicht gewesen wäre, und sich genau zu überlegen, was es nicht nur für Sie selbst, sondern für den Journalismus ansich bedeutet, wenn Sie jetzt darüber springen.

Sie rechtfertigen Ihr Handeln damit, dass andere Mitarbeiter der Zeitung Ihnen beim Springen zusehen würden und dass das sogar die Objektivität der Berichterstattung fördern würde. Dabei übersehen Sie, dass Sie durch Ihren Sprung, durch Ihren One-Night-Stand (oder wird dies nun gar eine länger andauernde Affäre?) eben den eingebetteten Journalismus legitimieren und für Recht erklären. Und das genau ist er nicht, Herr Freudenreich! Eingebetteter Journalismus ist kein besonderes Recht, sondern beschneidet Ihr und unser aller Recht auf freie Berichterstattung und Pressefreiheit!

Aus dem Bericht Ihrer eingebetteten Journalisten ist herauszulesen, wie geehrt diese sich fühlten, wie gebauchpinselt, von der Polizei eingeladen worden zu sein, mal hinter die Kulissen schauen zu dürfen und im Polizeibus neben all den vielen Uniformierten stehen zu dürfen. Das hat eben nichts mit ehrlichem Journalismus zu tun! Darüber hinaus hat der Bericht darüber einen Informationswert, der gegen Null tendiert! Und wenn das Fazit der Journalisten ist, dass dann während des tatsächlichen Einsatzes die Einbettung keine Rolle mehr gespielt hätte, weil ja auf der Straße am Schlossgarten alle Journalisten sich frei hätten bewegen dürfen, ist das ebenso kurz gedacht wie heuchlerisch. Denn nur, weil die Polizei auch zum Beispiel meinen Kollegen von cams21 erlaubte, von dort zu berichten, sind wir und alle anderen nicht eingebetteten eben auf den guten Willen der Polizei angewiesen gewesen! Sind Sie sich sicher, dass die Polizei diesen Goodwill auch bei der Parkräumung
zeigen wird?

Wäre es nicht viel ehrlicher gewesen, zu berichten, dass die Inszenierung der Polizei komplett übertrieben gewesen ist und ganz offensichtlich einzig dem Zweck diente, aller Welt zu zeigen, wie bedacht und deeskalierend sie vorgeht? Waren Sie in der vergangenen Woche jemals vor Donnerstag Nacht am Südflügel? Dann hätten Sie sehen können, dass wir nachts oft nur 5 bis 10 Leute waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Straße zu räumen, es hätte weder 2.000 Polizisten dafür bedurft noch aufblasbare, beleuchtete Ausgangsschilder, noch Laufanzeigen am Polizeibus, noch ein Transparent aus dem Fenster, das den Weg zum Ausgang weist. Der Einsatz wäre innerhalb einer halben Stunde erledigt gewesen! Es wäre aber natürlich weit weniger öffentlichkeitswirksam gewesen als das nun platt inszinierte Räumungs-Event. Die Finte der Polizei, im Schlossgarten anzukündigen, die Zeltstadt zu räumen, um möglichst viele Gegner von der Straße in den Park zu locken, wird von Ihnen zwar erwähnt, dass die Polizei hier aber ungesehen von den eingebetteten Medien durchaus provozierte und vielleicht auch Panikhandlungen von Bewohnern oder Parkschützern willentlich in Kauf genommen hat, bleibt gänzlich unerwähnt. Auch wissen Sie wahrscheinlich nicht, dass Fotografen und Filmteams absichtlich von den Polizisten im Park geblendet wurden, um eine bildliche Berichterstattung der Vorgänge dort zu verhindern. Dass die Polizei, sobald die eingebetteten Medien nicht mehr anwesend waren, wesentlich ruppiger vorgegangen sind, wissen Sie natürlich auch nicht. Und genau das passiert wohl, wenn man sich in fremde Betten legt - man wird blind für das, was wirklich passiert und legitimiert gleichzeitig das unanständige Angebot der Polizei

Dadurch dass Sie durch Ihre Einbettung diese Form des exklusiven, abhängigen Journalismus gutheißen und legitimieren, beschneiden Sie uns allen anderen unsere Rechte! Und genau das werfe ich Ihnen vor! Durch die Teilnahme an dieser Aktion leistet die Kontext:Wochenzeitung der Aushölung der Pressefreiheit Vorschub. Und das möchte ich eigentlich nicht unterstützen.

Es grüßt Sie enttäuscht
Ihr Zwuckelmann