19.03.2012 #s21 Wo ist all die Wut und Empörung hin? #cams21 #vuck21

Gestern war ich endlich im Haus der Geschichte und habe mir den Bauzaun angesehen. Der Zaun führt einmal rund herum an der Wand des Ausstellungsraums entlang und vereinigt viele bekannte, teilweise aber auch unbekannte Plakate und Poster und Zettel. Sehr gut fand ich die sehr dezente, gut gelungene Geräuschkulisse: hinter einem hört man einen Rollkoffer vorbeirattern, leise erschallen die Ansagen aus dem Bahnhof, ein Kind ruft, dann geht der laut gerufene Countdown in den Schwabenstreich über ... man fühlt sich durchaus an den Bauzaun am Nordflügel versetzt. Sehr interessant und sehr gut gemacht ist die thematisch sortierte Beschreibung eines jeden Plakats auf den Computer-Terminals, die einen auf Details und Zusammenhänge aufmerksam machen, die mir zumindest nicht immer klar waren.

Mir war nach diesem Besuch ganz anders zumute. Ich fragte mich, was passiert ist, dass eine breite Bürgerbewegung so schweigsam wurde. Aus den Plakaten und Transparenten spricht so viel Zorn, so viel Wut und Empörung! Man spürt förmlich, wie es damals war, wie die Stimmungslage in Stuttgart war, wie viel Energie vorhanden war, wie viel Veränderungswillen, wie viel kreative Unzufriedenheit! Eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Und heute? Wo ist der Zorn, die viele Wut und die große Empörung? Wo ist die Energie, der Veränderungswille und die kreative Unzufriedenheit? Weggeschlichtet! Weggestresstestet! Wegvolksabgestimmt!

Die Strategie des Einlullens, des Umarmens und des stückweise Erstickens der Bürgerbewegung hat bei Stuttgart21 vorbildlich funktioniert. Das Ergebnis ist, dass der Widerstand und die breite Protestkultur dezimiert wurde und die Befürworter genau so weitermachen können, wie sie begonnen haben. Denn aus den Pseudo-Bürberbeteiligungsveranstaltungen folgte überhaupt nichts:

  • Stuttgart21-Plus als Ergebnis der Schlichtung wird nicht umgesetzt, weil man sich nicht auf Rechtsverbindlichkeit geeinigt hat.
  • Die im Stresstest gemessene Leistungsfähigkeit ist bewiesenermaßen falsch, da die Software einen fundamentalen Fehler aufweist.
  • Die Volksabstimmung brachte scheinbare Gewissheit, indem ein ungleicher, unfairer und unanständiger Wahlkampf von Parteien, Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, der nachweislich auf Lügen basierte, gegen eine Bürgerbewegung geführt wurde und der eigentliche Abstimmungsgegenstand uminterpretiert wird in einen Freibrief für die Bahn und einen Maulkorb für die Bürgerbewegung.

Es hat sich de facto nichts geändert, die Planung ist noch immer fragwürdig, viele Abschnitte sind noch immer nicht planfestgestellt, die Finanzierung ist noch immer schöngerechnet, die Risiken bestehen noch immer, die Hochglanzbilder vermitteln noch immer Lügen. Es ist also alles so, wie vor zwei Jahren - nur dass der breite Protest bezähmt wurde. Inzwischen gibt es in der Tat "nur noch" einen harten Kern an Aktiven - der aber mit immerhin 2.000 bis 3.000 Personen nicht wirklich klein zu nennen ist. Und genau das ist unsere Chance! Es gibt einen großen Kern in unserer Bewegung, der entschlossen ist, weiter auf die Straße zu gehen, weiter zu fordern, dass allgemeine Lebensqualität nicht auf Kosten von einzelnen Profitinteressen aufgegeben wird, weiter darauf zeigen wird, was alles schief läuft bei diesem bestgeplanten Projekt aller Zeiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass es uns nicht heute und nicht morgen, aber bei Zeiten möglich sein wird, die vielen Unzufriedenen und Enttäuschten und Zornigen und Empörten, die vielen weggeschlichteten, weggestresstesten, wegvolksabgestimmten Bürger in Stuttgart und in der Region früher oder später wieder auf die Straße zu bringen - wenn wir, die Aktiven, hartnäckig bleiben, sichtbar bleiben, nicht klein bei geben und weiter die Finger in die Wunden legen. Dann bedarf es nur wieder eines Funkens, um den Protest erneut anzuzünden und die Bürger auf die Straße zu treiben!

Lasst Euch nicht einreden, dass unser Protest keine Akzeptanz mehr fände! Das stimmt nicht! Ich glaube fest daran, dass noch immer ein Großteil der Stuttgarter mit großem Interesse und großer Sympathie den Widerstand und die Bürgerbewegung, dessen Teil sie früher einmal waren, begleiten. Es ist egal, wo wir demonstrieren, die Hauptsache ist, dass wir demonstrieren, dass wir durch Aktionen wie der Südflügelbesetzung Aufmerksamkeit für uns und unsere Sache erhalten! Und so lange wir das Gefühl haben, demonstrieren zu müssen, so lange haben wir auch das Recht dazu, egal, was irgenwelche Lokal-Politiker von sich geben! Es wird die Zeit kommen, wo das eingeschlafene Protest-Potenzial wieder zum Leben erwacht, der Funke wird kommen - und dann lassen wir uns nicht mehr einlullen, umarmen und ersticken von den mächtigen, verlogenen Projektbefürwortern. Unser Atem wird bis dahin reichen, dessen bin ich mir sicher - und davor haben gewisse Leute große Angst!

Oben bleiben!