30.12.2011 #s21 Kein fröhlicher, aber ein trotziger und dennoch zuversichtlicher Rutsch wird es sein!
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten freute ich mich immer auf das neue Jahr, auf das Neue, auf das Ungewisse, auf die vielen neuen Möglichkeiten und Chancen, die sich ergeben würden, darauf, dass es einfach weitergeht und vielleicht doch noch etwas besser würde als es eh schon war - selten blickte ich mit Wehmut zurück, hing nicht an Vergangenem, erinnerte mich gerne, aber ließ Vergangenes auch gerne vergangen sein.
In diesem Jahr ist alles anders. Selten fühlte ich mich so ohnmächtig, so angegriffen, so machtlos und so traurig am Vorabend von Silvester! Wie soll ich mit Zuversicht ins neue Jahr blicken, wo direkt Anfang Januar das, wofür ich mich mit so vielen anderen seit einer langen Zeit intensiv einsetze, von Abrissbaggern und Kettensägen zerstört wird? Bisher konnten wir fast immer durch gerichtliche Verfügungen, durch Klagen, durch das Einlassen auf bestimmte Aufklärungsprozesse Zeit schinden; den Tag der Tage hinauszögern; hoffen, dass vielleicht doch noch die Vernunft siegen würde; hoffen, dass vielleicht doch noch ein Wunder geschehe.
Und jetzt? Heute wissen wir, dass das Wunder nicht gekommen ist, dass es wahrscheinlich keinen Aufschub mehr geben wird, dass die Bahn endgültig Fakten schaffen wird, um uns den Rest Mut zu nehmen. Da werden auch die ausgezeichneten Zusammenfassungen nichts helfen, die gerade wieder veröffentlicht werden und die einmal mehr zeigen, auf welchen Wahnsinn wir bei Stuttgart21 zusteuern. Geltendes Recht wird durch Ausnahmegenehmigungen zurechtgebogen (Denkmalschutz); es wird nachweisbar gelogen und getrickst (Stresstest); es werden Sicherheitsstandards nicht eingehalten (Bahnsteigneigungen); es werden Fakten geschaffen, obwohl elementare Planfeststellungen noch immer und trotz dieser langen Planungszeit fehlen (Filderbahnhof); es wird gebaut, obwohl absehbar ist, dass die Kostenobergrenze niemals gehalten werden wird und eine weitere Finanzierung nicht gesichert ist.
Jedes Mal, wenn ich dieser Tage durch den Schlossgarten gehe, wird mir bang ums Herz, zieht sich mein Magen zusammen bei dem Gedanken, dass vielleicht in zwei Wochen schon diese schönen, alten, prächtigen Bäume, die alle lange vor uns, vor unseren Eltern, Großeltern und teilweise vor deren Eltern schon hier standen, nicht mehr hier stehen werden. Die Bäume waren für mich immer ein Hauptgrund für mein Engagement in dieser Bürgerbewegung! Es erscheint mir noch immer wie ein Frevel, Hand an diese vielen, vielen Lebewesen zu legen für ein aus der Hybris des vorigen Jahrtausends geborenes, absurdes Immobilienprojekt, das uns von Ewiggestrigen immer noch als das städtebauliche Heil und die verkehrliche Notwendigkeit schlechthin verkauft wird.
Ich habe schon fast resigniert, was den Erhalt der Bäume und des Südflügels angeht. Natürlich werde ich mich am Tag der Tage wieder in den Park setzen und ohnmächtig darauf warten, dass die Polizei in überwältigender Zahl aufmarschiert und mich davon trägt, vielleicht auch wieder rein deeskalierend Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen wird und ich vielleicht doch in einer der Containerzellen im Hinterhof der Wasenwache enden werde. Viel mehr werde ich nicht tun können, um die Bäume zu schützen. Und ich werde tief traurig miterleben, wie die Bäume fallen werden.
Aber ich weiß heute schon, dass dieser unerhörte Frevel, dieser unnötige Machtbeweis nur meinen Widerspruchsgeist und meinen Trotz bestärken wird! Das Fällen der Bäume wird mein Engagement nicht töten! Ganz im Gegenteil! Auch wenn ich die Bäume nicht vor den Kettensägen schützen kann, so werde ich doch gerade deshalb weiterhin mein Möglichstes tun, um dieses Wahnsinnsprojekt durch Aufklärung, durch kritische Begleitung und Öffentlichkeitsarbeit zu stören. Wahrscheinlich werde ich auch weiterhin morgens wieder am Bauszaun stehen, oft bestimmt auch gerade dort, wo Baufahrzeuge ein- und ausfahren wollen, um meiner tief empfundenen Empörung über diese Stuttgarter Verhältnisse Ausdruck zu verleihen.
Nein, ich werde diesen Jahreswechsel nicht besonders fröhlich verbringen, ich werde nicht mit der üblichen Zuversicht ins neue Jahr blicken. Es wird vielmehr ein traurig-trotziger, ein verhalten zorniger Start ins neue Jahr werden - immer in der unverrückbaren Zuversicht, dass es doch noch besser wird und wir vielleicht in diesem Jahr an den Punkt kommen, dieses rückwärtsgewandte, absurd teure, weder ökologisch noch ökonomisch sinnvolle Projekt zu stoppen!
Allein die Fällung der Bäume im Park macht dieses Projekt nicht unumkehrbar! An diesem Punkt sind wir noch lange nicht - und diese renitente Gewissheit lässt mich dann doch durchaus fröhlich und zuversichtlich in das neue Jahr blicken.
Ich wünsche uns allen ein gutes, gesundes neues Jahr! Und auch für 2012 gilt weiterhin: oben bleiben!