4.5.2012 Von Kleingeistern und Freigeistern #s21

Noch immer passieren nahezu täglich im Zusammenhang mit der Polizei Dinge in Stuttgart, über die man nur den Kopf schütteln kann. Der Landespavillon im Schlossgarten soll laut Bahn bis Ende Mai abgerissen werden. Seit gestern gibt es auch keinen Pächter mehr. Mit dem Pächter verschwanden auch die Bastmatten, die das Amphitheater umgeben haben. Dem Abriss geweihte Gebäude, noch dazu, wenn sie im Zusammenhang mit Stuttgart21 abgerissen werden, sind von besonders emotionaler, aber auch von besonderer politischer Bedeutung für viele Menschen. Sie lassen einerseits Erinnerungen an bessere Zeiten wieder aufleben, eignen sich andererseits aber auch hervorragend dazu, den noch immer unfassbaren, jeglicher Rationalität widersprechenden Vorgängen um Stuttgart21 Ausdruck zu verleihen.

Eine bekannte Stuttgarter Aktionskünstlerin hat heute am Nachmittag auf die Rückseite des kleinen Bühnengebäudes mit bunter Straßenkreide Parolen und politische Statements geschrieben. Eine Polizeistreife hielt an und nahm sie in die Mangel. Da sie alleine war, wurde sie von einem der Polizisten ziemlich rüde und laut angegangen, sie solle die Parolen entfernen, das wäre Sachbeschädigung und sie würde angezeigt werden, wenn sie die Sätze nicht weg wische. Ob sie ihn verstanden hätte? fragte er schließlich ziemlich laut. Wenn er das nächste mal wieder käme und die Schrift sei noch am Haus, hätte sie mit einer Anzeige zu rechnen. Die Schikane gewohnte Aktionskünstlerin gab klein bei. Als ich hinzu kam, war das Gespräch bereits wieder ruhig (zumindest oberflächlich), wobei ich es mir nicht verkneifen konnte, darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Abbruchhaus handele und Straßenmalereien nicht zwangsläufig Sachbeschädigungen seien. Ich solle mich nicht einmischen, meinte der Polizist, stieg mit seiner Kollegin ins Auto und fuhr davon.

Nach und nach wurden wir eine größere Gruppe, die Parolen wurden, nachdem die Aktionskünstlerin ihre Parolen am Haus weg gewischt hatte, mit Straßenkreide auf den Weg vor den Pavillon geschrieben, wobei aus Solidarität plötzlich wieder viele neue Parolen auch am Haus selbst standen - wohlgemerkt nicht mehr von der Aktionskünstlerin!

Schließlich fuhr erneut ein Polizeiwagen vorbei, ein anderer als zuvor. Diese Beamten störte die Kreide in keiner Weise, sie fuhren einfach langsam an uns vorbei. Selbst auf Nachfrage sagten sie, dass sie solche Aktionen akzeptierten und nicht alles verfolgen müssten.

So unterschiedlich können Polizisten sein - wobei sie sich auch sehr unterschiedlich verhalten, je nachdem, mit wie vielen Personen sie es zu tun haben. Eine kleine, zierliche Frau können sie zu zweit mutig in die Mangel nehmen, sobald aber mehr Personen anwesend sind, sind sie weniger mutig und scheuen oft genug die direkte Konfrontation, wenn es sich vermeiden lässt. Ich finde derartige, an Schikane grenzende Vorgänge schlicht zum Kotzen und werde mich immer und immer wieder dagegen wehren! Wir werden weiterhin öffentlich protestieren und unseren Unmut über die Vorgänge hier herausschreien - gleichgültig, ob es der Polizei oder den Politikern oder der Bahn passt!

Oben bleiben!

- UPDATE -

Übrigens kam die erste Polizeistreife doch noch einmal am Pavillon vorbei mit der Folge, dass die Aktionskünstlerin eine Anzeige wegen Sachbeschädigung kassierte - obwohl sich viele andere Leute auf der Rückseite des Bühnenhäuschens in der Zwischenzeit auch verewigt hatten.

Doch warum verfolgt die eine Streife etwas sogar mit einer Anzeige, während eine andere Streife vollkommen unberüht ist und nicht einmal auf Nachfrage tätig wird? Das ist reine Beliebigkeit! Hier zeigt sich einmal mehr: gib bestimmten Menschen eine Uniform und sie führen sich auf wie die Axt im Walde. Sie kosten das bisschen Macht aus, das sie erhalten, und lassen andere darunter leiden. Bei gewissen Leuten, unter anderem bei dieser Aktionskünstlerin, grenzt das Verhalten solcher Polizisten inzwischen nahezu an Diskriminierung!