Zwuckelmanns Meinung http://zwuckelmann.posterous.com Meine Meinung zu allem, was mich bewegt - aktuell vor allem zum Widerstand gegen Stuttgart 21 posterous.com Fri, 29 Jun 2012 04:51:00 -0700 29.6.2012 Betrug oder Unfähigkeit? #s21 muss jetzt neu überdacht werden! http://zwuckelmann.posterous.com/2962012-betrug-oder-unfahigkeit-s21-muss-jetz http://zwuckelmann.posterous.com/2962012-betrug-oder-unfahigkeit-s21-muss-jetz

Ist das normal oder bin ich nur zu sensibilisiert? Ist es normal, dass ein Großprojekt wie Stuttgart21 bereits zu Beginn mit so vielen Pannen zu kämpfen hat? Oder fallen mir die Pannen nur so stark ins Auge, weil ich dieses Projekt besonders intensiv beobachte?

Auffällig ist jedenfalls, dass tatsächlich alles, was die Bahn bei diesem Projekt anpackt, nicht so läuft, wie sie es geplant hatte. Der ursprüngliche Zeitplan wird nahezu im Monatsrhythmus korrigiert, was die Projektpartner aber bisher nicht sehr zu stören scheint. Über die dadurch entstehenden Kosten wird bisher nicht laut gesprochen, aber auch hier ist jetzt schon klar, dass es unterm Kostendeckel gewaltig kocht!

Bereits beim Abriss des Nordflügels traten die ersten Verzögerungen ein, weil die Bahn nicht mit einem derart massiven Protest vor dem Bautor gerechnet hat. Der anhaltende Protest und die brutale, vollkommen überzogene Räumung des Schlossgartens am 30.09.2010 führten schließlich dazu, dass sich die Projektpartner und die Projektgegner erstmals an einen Tisch setzten, um über die Fakten zu sprechen. Diese Faktenschlichtung inklusive des Stresstests dauerte gut ein halbes Jahr. Schließlich wurde eine große Anlage für das Grundwassermanagement auf dem freigeräumten Gelände errichtet. Die Verlegung der ersten Rohre durch die Stadt wurde jedoch bald schon gerichtlich gestoppt, weil verpasst wurde, dass für die Zusammenlegung ursprünglich mehrerer, dezentral geplanter Wasseraufbereitungsanlagen zu einer einzigen Anlage die Naturschützer anzuhören sind. Die wenigen verlegten Rohre stehen seither und nun schon viele Monate wie ein Menetekel rund um den Bahnhof. Daraufhin bemühte man sich, den Südflügel abzureißen. Doch auch hier verlief nicht alles nach Plan. Nachdem rund die Hälfte des Südflügels abgerissen war, demolierte ein Bagger eine Dachstütze, so dass die gesamte Dachkonstruktion instabil wurde. Vor einem weiteren Abriss mussten erst neue, massive Stützen für das Dach eingezogen werden. Wieder gingen einige Monate ins Land. Schließlich entschied das Eisenbahnbundesamt vor wenigen Tagen, dass für die Erweiterung der Grundwassermanagementanlage eine umfangreiche Planänderung mit Anhörungsverfahren notwendig sei. Die Erweiterung ist notwendig geworden, weil die Bahn anstatt der ursprünglich geplanten 3,2 Mio. Liter mehr als das doppelte Volumen umwälzen will. Warum eine so zentrale Größe in der ursprünglichen Planung so falsch sein kann, bleibt unhinterfragt. Das nun geforderte Änderungsverfahren dauert erfahrungsgemäß viele Monate. Dadurch verzögert sich die Inbetriebnahme der Grundwassermanagementanlagen voraussichtlich um ein weiteres ganzes Jahr. Seit einigen Tagen werden Probebohrungen im gerodeten Schlossgarten durchgeführt und es sollen probeweise erste Betonpfähle in die Erde gerammt werden. Bei diesen Arbeiten wurde nun gestern eine zentrale Fernwärmeleitung demoliert mit der Folge, dass nach einer Reparatur zumindest das Planetarium ohne Anschluss ist.

Diese Aufzählung ist nicht vollständig, doch sie reicht aus, dass man sich fragen muss: Ist das alles normal? Ist es normal, dass so viele Pannen bereits bei den bauvorbereitenden Maßnahmen passieren? Ist es normal, dass der Zeitplan und damit auch die Kostenplanung zu einem so frühen Zeitpunkt bereits so aus dem Ruder laufen?

Wenn das tatsächlich normal sein sollte, müsste man ja über die gesamte Projektzeit mit weiteren derartigen, “unvorhergesehenen”, aber dennoch “normalen” Verzögerungen rechnen. Diese hätten dann strenggenommen in die Planungen mit aufgenommen werden müssen - was sie offensichtlich nicht sind. Rechnet man die bereits entstandenen Verzögerungen auf die gesamte, ursprünglich geplante Projektzeit hoch, so würde sich die Bauzeit um mehrere Jahre verlängern und die Baukosten würden sich um einige Milliarden Euro verteuern. Und man müsste davon ausgehen, dass die Bahn als Bauherrin explizit wusste, dass sowohl der Zeitrahmen als auch der Kostenrahmen viel zu optimistisch angegeben wurden. Dann jedoch wurden wir, die Bürger, bewusst angelogen. Und dann können sich die Projektpartner in keiner Weise mehr auf das Ergebnis der Volksabstimmung berufen, denn dann beruhte diese (wie sämtliche anderen öffentlich gemachten Unterlagen!) offensichtlich auf Lug und Betrug!

Wenn solche Pannen demgegenüber nicht normal sein sollten, muss man sich unweigerlich fragen, ob die Bahn überhaupt in der Lage ist, einen Bahnhof dieser Größenordnung wie geplant zu bauen. Denn auch dann ist damit zu rechnen, dass derartige Pannen und Verzögerungen auch weiterhin auftreten und die Bauzeit deutlich verlängern und die Kosten wesentlich in die Höhe treiben. Denn warum sollte der Bau nun plötzlich anders ablaufen als die bisherigen Arbeiten? Warum sollte plötzlich alles wie am Schnürchen laufen, wenn es bisher alles andere als so lief? Vor allem wurden die wirklich riskanten Bauarbeiten noch gar nicht in Angriff genommen, es wird ja bisher nur vorbereitet!

Ob Betrug oder Unfähigkeit, jetzt muss erneut ernsthaft hinterfragt werden, ob man diesen Bahnhof mit der Brechstange, vielen Milliarden Euro Mehrkosten und mehreren Jahren Bauzeitverlängerung realisieren will. Das ist alles jetzt schon abhersehbar - und jeder, der etwas anderes sagt, lügt sich in die Tasche! Ein gesichtswahrender Ausstieg aus den Verträgen ist jederzeit möglich, wenn sich die Projektpartner gemeinsam darauf verständigen. Die Volksabstimmung sollte nicht dazu missbraucht werden, ein derart vermurkstes Projekt blind voranzutreiben und jegliche gebotene Vorsicht und Vernunft zu übergehen. Wir sehen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten entgegen, die öffentlichen Kassen werden noch strenger haushalten müssen - wer jetzt nicht die Reißleine zieht, begiebt sich mit Stuttgart21 auf eine unkalkulierbare Höllenfahrt!

Deshalb lieber: oben bleiben!

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Wed, 01 Feb 2012 08:19:00 -0800 1.2.2012 #s21 Die Bahn hat die Verzögerungen selbst zu verantworten #cams21 #s9000 http://zwuckelmann.posterous.com/122012-s21-die-bahn-hat-die-verzogerungen-sel http://zwuckelmann.posterous.com/122012-s21-die-bahn-hat-die-verzogerungen-sel

Es verwundert schon einigermaßen, dass sowohl die Opposition im Landtag als auch die Bahn die Verzögerungen bei Stuttgart21 den Projektgegnern in die Schuhe zu schieben versucht. Bürgerbeteiligung, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Vertrauen sind keine Themen, die es erst seit Stuttgart21 gibt. Da die Bahn und die Projektpartner es verpasst haben, dafür zu sorgen, dass das Projekt die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung findet, sind es letztlich auch die Bahn und die Projektpartner, die für die entstandenen Verzögerungen in Haftung genommen werden müssen. "Schlichtung", "Stresstest" und "Volksabstimmung" waren keine Forderungen und auch keine Erfolge der Projektgegner, sondern wurden von den Projektpartnern kleinlaut angeboten, um die Legitimation und Akzeptanz, die diesem Projekt fehlten, nachzuholen. Dass dies bis heute nicht gelungen ist, zeigt sich daran, dass noch immer Tausende wöchentlich gegen dieses Projekt auf die Straße gehen.

Neben der Akzeptanz der Bürger fehlt dem Projekt aber auch in vielen Bereichen die rechtliche Legitimität, so zum Beispiel beim Artenschutz. Dass es die Bahn bis heute nicht geschafft hat, die notwendigen wasserfesten artenschutzrechtlichen Gutachten vorzulegen, ist auch kein Verzögerungserfolg der Projektgegner, sondern einzig und allein ein Versäumnis der Bahn und ihrer Partner. Ebenso wundert man sich, wie sich die im Planfestestellungsbeschluss genannten 3 Millionen Kubikmeter abzupumpendem Grundwasser innerhalb von einem Jahr verdreifachen kann - der rechtliche Einspruch ist widerum kein Erfolg der Projektgegner, sondern einzig der Fehlplanung der Bahn geschuldet.

Dass unter diesen unsicheren Bedingungen die Polizei keinen Einsatz im Schlossgarten wagt, liegt auch nicht, wie die Opposition hinausposaunt, an der Landesregierung, sondern schlichtweg an der Tatsache, dass wir (für die CDU vielleicht eine neue Erkenntnis!) in einem Rechtsstaat leben, in dem eben keine Willkür herschen darf. Polizeieinsätze, zumal in dieser Größenordnung, müssen selbstverständlich auf rechtlich einwandfreiem Boden stehen - und dürfen keinesfalls und nie wieder wie der illegale Einsatz am 30.09.2010 durchgeführt werden! Die Rechtssicherheit wird ja nicht von der Landesregierung geschaffen, sondern auch wieder einzig und allein von der Bahn und den Projektpartnern verantwortet.

Die Verzögerungen beim Projekt Stuttgart21 sind also vollständig auf die Unfähigkeit der Bahn und die Versäumnisse aller Projektpartner zurückzuführen, nicht auf die Projektgegner.

Oben bleiben!

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Tue, 08 Nov 2011 22:48:00 -0800 09.11.2011 #s21 #9000 Der Wahnsinn gewinnt an Kontur http://zwuckelmann.posterous.com/09112011-s21-9000-der-wahnsinn-gewinnt-an-kon http://zwuckelmann.posterous.com/09112011-s21-9000-der-wahnsinn-gewinnt-an-kon

Die Rahmenbedingungen für die nahe Zukunft sind:

  • am 27.02. endet die vegetationsfreie Periode, bis dahin müsste die Bahn im Park Fakten geschaffen haben
  • Innerhalb von 3 bis 4 Wochen will die Bahn die Fakten geschaffen haben
  • 200 Containerzellen auf dem Cannstatter Wasen
  • 9.000 Polizisten in drei Schichten a 3.000 sollen kommen, um das Gebiet Südflügel und geplante Baugrube im Mittlerer Schlossgarten zu schützen
  • Südflügelabriss und Baumfällungen werden parallel durchgeführt
  • Ob die Gewerkschaft der Polizei einen so massiven Einsatz über die Weihnachtsfeiertage zulässt, ist äußerst fraglich
  • Ein solch massiver Einsatz vor der Volksabstimmung wäre sicher nicht durchsetzbar
  • Also bleibt für einen geregelten, vorbereiteten Einsatz der Zeitraum direkt nach der Volksabstimmung bis vor Weihnachten oder aber direkt nach Weihnachten bzw. im neuen Jahr
  • Die Polizei ist darauf angewiesen, dass die Bahn ihre Aktivität rechtzeitig, das heißt mindestens zwei Wochen im Voraus ankündigt. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein so großer Einsatz in vollkommener Geheimhaltung geplant werden kann. Sollte die Bahn schneller loslegen wollen, wird es zum Chaos kommen.

Ich sitze am Frühstückstisch und kann ob dieses Wahnsinns nur mit dem Kopf schütteln! Wenn man ein Projekt nur so glaubt durchsetzen zu können, muss etwas gewaltig schief gelaufen sein!

Und ich bleibe dabei: S21 fällt durch den Protest auf der Straße! Also packt Euren Demo-Rucksack und spart Euch Euren Urlaub für den "D-Day"!

Unfassbarer Wahnsinn, das alles!

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Thu, 29 Sep 2011 23:31:00 -0700 30.9.2011 #s21 #3009 Gedächtnisprotokoll eines kollektiven Stuttgarter Traumas http://zwuckelmann.posterous.com/3092011-s21-3009-gedachtnisprotokoll-eines-ko http://zwuckelmann.posterous.com/3092011-s21-3009-gedachtnisprotokoll-eines-ko

Am 1. Oktober 2010 schrieb ich folgendes Gedächtnisprotokoll:

"Ich bin registrierter Parkschützer. Bereits am Vortag zum 30.09.2010 gab es Gerüchte über einen Polizeigroßeinsatz im Stuttgarter Schlossgarten, der um 15 Uhr stattfinden sollte. Am frühen Morgen des 30.09.2010 gab es ernstzunehmende Gerüchte, dass der Einsatz bereits wesentlich früher stattfinden sollte.

Um 10:15 bekam ich eine Alarm-SMS der Parkschützer, dass die Polizei in den Schlossgarten einmarschiert. Also setzte ich mich sofort so, wie ich war, in Anzug und Krawatte in die S-Bahn und war um ca. 10:30 im Schlossgarten. Dort kam gerade die Schülerdemonstration an, wollte offensichtlich weiterziehen, blieb aber dann doch im Schlossgarten, als sie die erste Hundertschaft der Polizei sah, die am Parkeingang der Klett-Passage aufmarschierte. Die Polizisten hatten bereits Helme an der Seite hängen und Schlagstöcke. Sie rannten diagonal auf den Rasen des Schlossgartens und bildeten eine Kette, durch die sie niemanden hindurch ließen. Am Ende der Kette konnte man jedoch ungehindert hinter die Polizisten gelangen. Nach wenigen Minuten rannten die Polizisten zurück zum Platz vor der Klettpassage, sammelten sich und rannten dann in einem flacheren Winkel wieder in den Park. Die Kette war aber kurz und mir war der Sinn und Zweck dieser Kette nicht klar.

Gegen 11:00/11:30 kamen sehr viele weitere Polizisten und stellten unter lautem Protest der anwesenden friedlichen Demonstranten Sperrgitter auf dem Weg auf, der parallel zum ZOB verläuft. Die Gitter versperrten den Weg zum Ausgang Klett-Passage. Um die Gitter entsprechend auszudehnen, wurden auch einige der Bänke, die am Rand des Platzes zum Rasen stehen, abmontiert. Außerdem wurde der Platz zur Klett-Passage mit Gittern abgesperrt. Eine Polizeikette erstreckte sich von hier bis etwa in Höhe des Leitner-Stegs, so dass kein Passant hier mehr hindurch konnte. Alle Passanten, die zur Klett-Passage wollten, mussten um die Kette herum laufen. Die Stimmung war friedlich, wir diskutierten mit den Polizisten, es wurde gesungen, aber natürlich auch immer wieder gepfiffen. Es ging hier überhaupt keine Aggression von den Demonstranten auf Polizisten aus.

Gegen 12:30 liefen immer mehr Demonstranten in Richtung Biergarten, so dass ich mich auch dorthin aufmachte. Es ging das Gerücht, dass die Wasserwerfer, von denen bereits bekannt war, dass sie nach Stuttgart gebracht worden waren, eingesetzt würden. Als ich am Biergarten ankam, waren die Wasserwerfer bereits im Einsatz und zielten auf den Weg vor ihnen, aber auch bereits hier in den Park und auf Bäume. Die Umstehenden skandierten „Aufhören!“ und „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ und waren friedlich. Ich habe keine Wasserflaschen noch sonstige Gegenstände auf die Polizisten fliegen sehen und ich habe auch keine Gruppen von Krawallmachern gesehen, sondern nur ganz „normale“ Menschen, junge, alte, alternative und gutbürgerliche. Ich stand mit ihnen etwa in 30 Meter Entfernung zu den Wasserwerfern auf der Straße.

Ich habe gesehen, wie schwarz angezogene Polizisten in Zweier- und Dreierreihen vor den Wasserwerfern mit Tränengas und Schlagstöcken versuchten, den Weg für die Wasserwerfer frei zu machen. Dann folgten Salven aus den Wasserwerfern direkt auf die Menschen, die vor den Wasserwerfern saßen und sich notdürftig mit Planen schützten. Die Wasserwerfer sprühten aber auch auf entferntere Ziele, so auf Personen, die in scheinbar sicherem Abstand auf dem Weg standen (unter anderem auf mich, der ich ca. 30 Meter von den WaWe entfernt stand) , oder auch auf Personen im Park und auf Bäumen. Nach mehreren Salven unter lautem Protest schafften es die Wasserwerfer einige Meter vorzufahren, bevor sie wieder anhielten und die Polizisten davor wieder mit Tränengas auf die Sitzblockierer und die in erster Reihe dahinter stehenden spritzten. Dann folgten wieder die Salven der WaWe. Wir zogen uns immer weiter zurück. Ich sah viele entsetzte Gesichter, eine Frau, die weinend auf dem Weg stand und der Gewalt vor uns zusah, vollkommen durchnässte Menschen, die erschöpft nach hinten wichen, und immer wieder Menschen, die von anderen geführt wurden, weil ihre Augen vom Tränengas gereizt waren.

Gegen 14 Uhr versuchte die Polizei auch den Grünstreifen zwischen dem Weg und dem ZOB zu leeren und rückte am Zaun entlang mit massivem Polizeiaufgebot voran. Auch hier wurde intensiv mit Tränengas gearbeitet, während in der zweiten Reihe viele Polizeikameras auf hohen Stöcken das Treiben filmten. Wir Demonstranten wurden also von der Straße und dem Grünstreifen zwischen Straße und ZOB auf die Wiese des Schlossgartens gedrängt, wobei die Polizei eine Kette am Zaun zum ZOB gebildet hatte und nun geschlossen die Demonstranten vom Weg drängte. Die Wasserwerfer waren weiterhin im Einsatz. Parallel dazu wurde die Umzäunung zum ZOB teilweise abmontiert, so dass immer mehr Polizisten in den Schlossgarten strömen konnten. Nun wurden die Demonstranten nicht mehr nur vom Weg, sondern auch ein großes Stück auf der Wiese des Schlossgartens nach hinten Richtung Planetarium gedrängt. Dies geschah auch wieder unter Zuhilfenahme von Tränengas. Insgesamt sah ich sicher über 50 Menschen, die aufgrund des Tränengases von anderen aus den vorderen Reihen weggeführt wurden. Wir wurden soweit zurückgedrängt, dass die Wasserwerfer gut auf die Wiese des Schlossgartens fuhren konnten. Die lange Polizeikette vor den Wasserwerfern war doppelt aufgestellt und sperrte die Rasenfläche, auf der die Wasserwerfer standen und teilweise immer noch spitzten, bis nach hinten zum Zaun des ZOB weiträumig ab. Auch hier gab es nur lautstarken Protest, ich sah keine Gegenstände fliegen und keine Gewalt, die von Demonstranten ausgegangen wäre.

Hinter der Polizeikette wurden nun Absperrgitter aufgestellt. Als das Gitter stand, stellte sich die Polizei in weniger massiver Kette hinter die Absperrgitter. Gegen 18 Uhr war das Gebiet komplett mit Gittern abgesperrt. Parallel dazu wurden Hebebühnen hinter die Absperrung gefahren, die einige Menschen aus den Baumkronen von den Bäumen zum ZOB holten.

Erschöpft und nass ging ich für eine Stunde nach Hause, um mich umzuziehen und etwas zu essen. Um 19 Uhr war ich wieder im Schlossgarten. An der Situation hatte sich nichts geändert. Die Wasserwerfer waren allerdings nicht mehr im Einsatz, sondern standen drohend auf der Wiese. Es waren sehr viele Demonstranten, die an den Absperrgittern standen und riefen, pfiffen und skandierten. Auch jetzt sah ich keinerlei Gewaltszenen, die von Demonstranten ausgegangen wäre. Es wurde dunkel und die Kerzen um die Bäume, die außerhalb der Polizeisperre standen, wurden angezündet. Außerdem hatte die Polizei Flutlichter aufgestellt, die den gesamten abgesperrten Bereich und auch den Teil dahinter hell erleuchtete. Teilweise wurden auch Strahler in Kopfhöhe aufgestellt, die uns Demonstranten hinter den Gittern stark blenden sollten.

Bis Mitternacht passierte nichts, außer dass es immer mehr Demonstranten wurden. Es wurde laut gerufen, skandiert, Musik gemacht, gesungen. Ich habe viele Menschen gesehen, die weinten, die entsetzt waren wegen des brutalen Polizeieinsatzes. Ich unterhielt mich mit vielen Menschen, die genauso fassungslos waren, wie ich. Um kurz nach Mitternacht schwoll der Lärm der Demonstranten an, als kurz hintereinander zwei Lastwagen mit Greifarmen auf die Wiese fuhren. Gleichzeitig kam ein Polizeitrupp mit durchsichtigen Schilden auf den Rasen gelaufen. Wo diese Aufstellung bezogen, habe ich nicht gesehen, da die Fällmaschinen mit ihrer Arbeit anfingen. Der eine Greifarm wurde ausgefahren, umfasste einen großen Ast des ersten Baumes, sägte ihn ab und legte ihn auf den Boden. Innerhalb weniger Minuten war der erste Baum in dieser Art gefällt. Der zweite Wagen zerkleinerte die Bäume in gröbere Stücke. Ein sehr großer Häcksler wurde auf die Wiese gefahren, so dass in kürzester Zeit die schnell gefällten Bäume zerhäckselt wurden. Die Demonstranten waren wie gelähmt. Wir schrien, pfiffen, ich sah viele Tränen! Und erst jetzt sah ich vielleicht zwei, drei kleine 0,5-Liter-Wasserplastikflaschen in Richtung Polizisten und Bauarbeiter fliegen. Es war ein surrealer Anblick, mitten in der Nacht im Flutlicht unter massivem Polizeiaufgebot und massivem, lautem, aber friedlichem Protest Bäume fallen zu sehen. Der Protest war ohrenbetäubend, aber blieb auch jetzt weiterhin friedlich, auch wenn die Wut der Demonstranten zum Greifen war.

Um zwei Uhr nachts verließ ich niedergeschlagen, wütend und erschöpft den Schlossgarten. Als ich um 8 Uhr früh wieder durch den Schlossgarten zu meiner Arbeit ging, hatten die Fällarbeiten aufgehört, der Häcksler war aber noch in Betrieb und einige Hundert Demonstranten standen noch an den Zäunen.

Stuttgart, den 1. Oktober 2010"

 

Als ich am 1. Oktober die Berichtersattung in der Zeitung und im Fernsehen verfolgte, war ich entsetzt, denn das Berichtete stimmte mit meiner Erfahrung überhaupt nicht überein. Deshalb schrieb ich an all meine Bekannte, Freunde und Familie eine Email, in der ich meine Sicht der Dinge nochmals kurz darlegte:

"Liebe Freunde,

da ja die eigenartigsten Berichte in den Medien kursieren, hier nun der Livebericht aus dem Schlossgarten.

Vorweg: Wir waren friedlich, die Polizei war es nicht!

Ich bin noch immer fassungslos und kämpfe immer wieder mit den Tränen beim Gedanken an die gestrigen Vorkommnisse! Ich bin gestern Vormittag in den Schlossgarten gegangen, weil ich mich als sog. Parkschützer registriert hatte, da ich wirklich nicht möchte, dass die 300 Jahre alten Bäume fallen. Ich verfolgte schon den ganzen Morgen Berichte von anderen Parkschützern, die berichteten, dass auf vielen Autobahnen Hundertschaften aus anderen Bundeländern auf den Weg nach Stuttgart seien. Um 10:00 kam dann per SMS der Parkschützeralarm, dass die erste Polizei im Schlossgarten aufmarschiert sei. Also bin ich gleich los. Zuerst war es ganz friedlich, die Schülerdemonstration zog gerade durch den Schlossgarten und blieb dort dann einfach, anstatt wie vorgesehen auf den Marktplatz weiter zu marschieren. So waren wir recht schnell sehr viele. Die Stimmung war abwartend ruhig, allerdings fuhren unzählige Polizeibusse am Park entlang. Ich unterhielt mich mit einigen Polizisten, die wahrlich keinen fröhlichen Eindruck machten. Aber sie haben sich halt nicht krank gemeldet, sondern taten ihren Dienst.

Nach ein, zwei Stunden, als der Park schon recht bevölkert war, kamen die Wasserwerfer, es war unglaublich. Friedliche Menschen, viele Alte, viele Kinder, Rollstuhlfahrer befanden sich auf dem Weg im Schlossgarten und stellten sich den Polizisten in den Weg. Natürlich gab es auch Sitzblockaden.  Von mir aus waren es keine 30 Meter bis zu den Wasserwerfern. Vor den Wasserwerfern waren Sondereinsatzkommandos der Polizei, komplett martialisch in Schwarz gepanzert mit Helm und Schlagstöcken, die mit Tränengas und Knüppeln den Wasserwerfern den Weg durch den Park freimachten. Natürlich kamen immer wieder Durchsagen, dass der Weg frei zumachen sei, aber der Park gehört uns und wir waren nicht bereit dazu. Die Wasserwerfer sprühten dann wahllos in die Menge und die Demonstranten, die nicht eh schon wegen des Tränengases geflüchtet waren, vor sich einfach weg. Es war ganz entsetzlich! Nach sicher vier Stunden solch schlimmen Theaters (sie frästen sich einfach langsam aber sicher durch die Menschen!) waren sie schließlich bis zur Klettpassage vorgerückt und riegelten einen Teil des Parks mit Zäunen ab. Die Demonstranten blieben weiterhin wirklich erstaunlich friedlich, während die Polizei immer wieder zu Tränengas und Wasserwerfern griff. Wir skandierten laut, viele sangen, einige weinten. Es wurde getrommelt. Und es wurden gottseidank immer mehr Menschen, die am Nachmittag in den Park strömten. Ich war pitschnass, ging gegen 18 Uhr kurz heim, um was zu essen und mich umzuziehen. Dann ging ich wieder in den Park.

Dann passierte bis in die Nacht nichts, die Polizei mit Helm und Knüppel, später sogar mit Schild (?) bewachte die Gitter, fuhren bedrohlich mit den Wasserwerfern hin und her. Wir standen hinter der Absperrung. Es war friedlich, es flogen ganz, ganz vereinzelt mal Kastanien oder noch seltener Wasserflaschen. Ganz sicher flogen keine Steine und keine Rauchbomben und was sonst noch berichtet wird. Wie seit Wochen wurden die Kerzen im Park um die vielen geschmückten Bäume herum wieder angezündet, was sehr schön aussieht. Und dennoch kam ich mir vor wie ein Schwerverbrecher, wenn ich den schwerbewaffneten Polizeiketten gegenüber stand. Es war friedlich und die Polizei wurde gottseidank nicht attackiert, obwohl die Stimmung schon sehr aufgeheizt war - zumal nach den Ergeignissen mit den Schülerdemonstranten, von denen auch zahlreiche verletzt wurden. Um ein Uhr nachts schließlich fuhren zwei Lastwagen mit riesigen Greifarmen auf den taghell erleuchteten abgesperrten Park vor, die beim Greifen auch gleich sägen können, und fingen an, ruck zuck die ersten Bäume abzusägen, legten sie um, schoben sie in einen Schredder und machten Ordnung. Das ging so schnell, das wir nur fassungslos da standen und peifend, schreiend und wütend zuschauten. Welch haarsträubende Provokation! In der Nacht zum 1. Oktober, das Datum, ab dem man Bäume überhaupt fällen darf, das so ohne Notwendigkeit durchzusetzen! Ich verstehe es wirklich nicht. Um zwei Uhr sind wir dann erschöpft und entmutigt heim, bis fünf Uhr haben Sie weiter gefällt.  Heute morgen hatte ich schon freie Sicht auf den Südflügel des Bahnhofs - und der Riesenschredder lief heute morgen um 8 Uhr immer noch. Es hatte die Nacht durchgeregnet und es waren nur noch wenige hundert Durchhaltende da, die aber immer noch standhaft sich ihre Empörung aus der Lunge riefen und pfiffen.

Heute Abend ist die nächste Großdemonstration angesetzt. Leider konnte ich heute tagsüber nicht in den Park, kann ja nicht jeden Tag fehlen. Aber der Schlossgarten sieht jetzt schon furchtbar aus.
Und: wie sollen die Kinder der Schülerdemo, die genehmigt war, Demokratie lernen, wenn sie bei einer Demonstration so behandelt werden?  Unsere Kultusministerin sagte heute, dass Lehrer, die Kinder für die Teilnahme an der Demo ermutigt hätten, mit Disziplinarmaßnahmen rechnen müssten und dass die Schüler, die daran teilgenommen haben, ja Schule geschwänzt hätten und eigentlich in der Schule gewesen sein müssten - nach dem Motto: obwohl genehmigte Demonstration sind sie selbst schuld, wenn ihnen was passiert. Und das von der Kultusministerin! Skandalös!
Ansonsten geht es mir aber gut, bin nur müde und erschöpft, wütend, empört und sehr traurig - und habe immer noch Pfiffe im Ohr.

Fassungslose Grüße"

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