Zwuckelmanns Meinung http://zwuckelmann.posterous.com Meine Meinung zu allem, was mich bewegt - aktuell vor allem zum Widerstand gegen Stuttgart 21 posterous.com Wed, 05 Sep 2012 00:46:00 -0700 5.9.2012 Über den Kandidatencheck im DGB-Haus #obs12 #sob12 #stuttgart #rockenbauch http://zwuckelmann.posterous.com/592012-uber-den-kandidatencheck-im-dgb-haus-o http://zwuckelmann.posterous.com/592012-uber-den-kandidatencheck-im-dgb-haus-o

Gestern Abend veranstaltete der DGB einen Kandidatencheck mit den wichtigsten OB-Kandidaten. Der Saal war wieder einmal überfüllt und nicht jede Besucherin und nicht jeder Besucher erhielt einen Sitzplatz.

In drei Themenblöcken wurden den Kandidaten Wilhelm, Turner, Kuhn, Rockenbauch, Loewe und Hermann Fragen von jeweiligen Spezialisten gestellt, die sie kurz und knapp beantworten sollten. Die Themenblöcke waren:

  • Soziale Gerechtigkeit – soziale Teilhabe
  • Zukunft der Lern- und Gedenkstätte Hotel Silber
  • Internationales und interkulturelles Stuttgart

Leider haben es die Veranstalter versäumt, das Fragenprogramm so kurz und knapp zu halten, damit am Ende die Bürger noch Fragen stellen konnten. Eine solche Fragerunde war zwar eingeplant, sie wurde aber, als die drei Blöcke um 21:45 Uhr beendet waren, unter großem, berechtigtem Protest der Zuschauer abgesagt. Leider hat man nicht einmal zwei oder drei Fragen zugelassen, um wenigstens ein paar Stimmen aus dem Publikum zu hören.

Sebastian Turner sah wie immer ziemlich gelangweilt aus. Offensichtlich wurde, dass er sich in vielen wichtigen Details nicht auskannte, Dinge vorschlug, die bereits verwirklicht wurden, und Ideen und Vorstellungen der anderen Kandidaten aufgriff und diese als eigene Idee verkaufen wollte. Auch legte er sich bei ganz vielen Ja/Nein-Fragen nicht fest und wand sich um eine klare Antwort. Erschreckend und für mich absolut disqualifizierend waren seine Äußerungen zum interkulturellen Leben in Stuttgart. Muslimische Jugendliche seien eines der drängendsten Probleme in Stuttgart und weitere derartige, an Ausländerfeindlichkeit grenzende Äußerungen versuchte er mit "ja, es tut mir ja leid, aber so sieht nun mal die Realität in Stuttgart aus" zu rechtfertigen. Er lebt offenbar in einer eigenen Welt, die meines Erachtens mit der Realität nicht allzuviel zu tun hat. Wenn Turner von seinen zahllosen Gesprächen mit Bürgern und von seinen Erfahrungen mit dem einfachen Mann spricht, frage ich mich immer, wen er da wohl meint und an wen er geraten sein muss, dass da so eigenartige, verschwurbelte Dinge herauskommen.

Bettina Wilhelm und Fritz Kuhn waren in dieser Vorstellung typische Vertreter von Parteien - selbst wenn Wilhelm eigentlich parteilos ist. Sie wollen viel, reden Parteiendeutsch und "werben" bzw. "wärrrrben" für Dinge, wogegen ein Großteil der Stuttgarter seid unserer unsäglichen Verkehrsministerin ziemlich allergisch reagieren. Ein weiteres Zeichen, wie weit weg beide Kandidaten von der Stuttgarter Realität sind. Beide finde ich noch immer blass und mittelmäßig, sie bleiben in ihren Statements im Allgemeinen und Ungefähren, versuchen natürlich mit den Aspekten, die sie inzwischen über Stuttgart gelernt haben, zu punkten, man merkt aber, dass das angelesenes bzw. antrainiertes Wissen ist, was die Kandidaten insgesamt nicht authentisch macht, sondern sie als typische Politiker wirken lässt (was sie ja auch sind!)

Harald Hermann von den Piraten beantwortete meines Erachtens die meisten Fragen sehr ungenau bis gar nicht und oft verstand ich auch gar nicht, auf was er hinaus wollte und was nun seine eigene Meinung und seine Ansätze als potenzieller OB waren.

Jens Loewe machte eine außerordentlich gute Figur. Er machte auf viele kritische Punkte aufmerksam, verband Gedanken und wies auf Zusammenhänge hin, die wichtig sind und unbedingt näher erläutert gehören. Auch scheute er sich nicht, den Rahmen von kommunalpolitischen Themen auf bundespolitische und sogar auf globale Entwicklungen auszudehnen und brachte damit die etablierten Parteien durchaus in Erklärungsnot. Leider reagierte auch der Moderator auf wichtige, von ihm angesprochene Aspekte nicht, so dass diese unbeantwortet blieben. Loewe provozierte und polarisierte und erhielt für seine außerordentlich kritischen Positionen sehr viel Beifall. Für mich ist Loewe wichtiger Bestandteil der OB-Wahl, denn er stellt die richtigen Fragen und sieht die richtigen Zusammenhänge. Allerdings ist er für mich fast schon zu klug und zu intellektuell (ist das möglich??), um praktische Kommunalpolitik als OB zu gestalten. Ich wünsche mir aber, dass sich Loewe weiterhin in Stuttgart engagiert und sichtbar bleibt - und noch bei vielen Veranstaltungen die Kandidaten der etablierten Parteien noch ein wenig mehr in Bedrängnis bringt.

Hannes Rockenbauch konnte wieder mit seinem sehr detaillierten Wissen über die kommunalpolitische Situation in Stuttgart punkten. Er antwortete meines Erachtens am präzisesten und verständlichsten auf die Fragen und war sehr oft Stichwortgeber für die anderen Kandidaten. Auch er scheute sich nicht davor zurück, die Wortbeiträge der anderen Kandidaten kritisch zu kommentieren oder aber auch mit den anderen Kandidaten zu diskutieren. Gerade beim Hotel Silber konnte er sehr glaubwürdig die anderen Kandidaten (vor allem die der etablierten Parteien) bloßstellen, da er das Tauziehen und die Abstimmungen über das Hotel Silber im Gemeinderat selbst erlebt hat. SPD, CDU und FDP haben den Erhalt des Hotel Silber torpediert und blockiert, schmücken sich aber nun großspurig mit den Lorbeeren und mit wohlklingenden Ideen - wobei ich auch hier die Idee eines Hauses für Menschenrechte, wie es von Rockenbauch vorgeschlagen wird, am besten finde.

Hannes kannes!

Oben bleiben!

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Wed, 25 Jul 2012 22:37:00 -0700 26.7.2012 "Das Thema" und die OB-Kandidaten #csd-stuttgart #csd http://zwuckelmann.posterous.com/2672012-das-thema-und-die-ob-kandidaten-csd-s http://zwuckelmann.posterous.com/2672012-das-thema-und-die-ob-kandidaten-csd-s

Gestern abend waren die OB-Kandidaten vom IG CSD e.V., dem Trägerverein des CSD in Stuttgart, ins Wilhelmspalais eingeladen, um dort Schwulen und Lesben Rede und Antwort zu stehen. Trotz des wunderbaren Sommerabends war der Saal überfüllt, so dass viele Leute rund herum an den Wänden stehen musten.

Die Diskussion mit Wilhelm, Turner, Hermann, Kuhn, Loewe und Rockenbauch wurde von Jörg Dinkel vom SWR geleitet und war gut und interessant. Sie führte die Kandidaten immer wieder durch diverse Fettnäpfchen der politischen Korrektheit oder knapp an ihnen vorbei und brachte erstaunliche Wortschöpfungen zu Tage (Kuhn beispielsweise sprach häufiger von "Lesbophobie"). Natürlich ist Homosexualität für keinen der Kandidaten persönlich ein Problem, an der Art und Weise, wie sie über "das Thema" gesprochen haben, konnte man jedoch einige interessante Einblicke gewinnen. 

Frau Wilhelm sprach in der Tat immerzu von "dem Thema" und meinte damit gleichgeschlechtliche Liebe. Sie bezog viele ihrer Stellungnahmen auf ihre Zeit, in der sie in Ludwigsburg Gleichstellungsbeauftragte gewesen ist und eine Veranstaltungsreihe zu lesbischen Lebensformen veranstaltet hatte. Sie sprach bei der Frage, wie man als Arbeitgeber Stadt der Diskriminierung von Schwulen und Lesben begegnen möchte, von einer Doppelstrategie und von der Verankerung einer offenen Herangehensweise an "das Thema" von oben nach unten und von unten nach oben, blieb aber mit ihren Vorschlägen im Ungefähren und auf einer sehr theoretischen Ebene.

Herr Turner sprach darüber, dass er als Unternehmenslenker auch eine Stadt gut lenken könne. In Turners Unternehmen sei Homosexualität nie ein Problem gewesen. Wenn das "jemand zur Schau stellen wollte", konnte er das immer tun. Für ihn seien homosexuelle Lebensweisen immer normal gewesen, denn immerhin wären bei Scholz & Friends 1/3 der Mitarbeiter homosexuell. Man müsse der Wirtschaft klar machen, dass es von Vorteil sei, Homosexuelle einzustellen. Und schließlich verstieg er sich im Lob, dass die CDU mit Kaufmann und Kotz doch an prominenter Stelle zwei offen schwule Führungskräfte sitzen hätte und deshalb als schwulenfreundlich und fortschrittlich angesehen werden müsse. Die Krönung seiner Aussagen war aber ohne jeden Zweifel, dass OB Schuster einer der offensten und homosexuelle Lebensweisen stark unterstützenden OB in Deutschland sei. Turner sah den gesamten Abend sehr arrogant und gelangweilt aus, schien abwesend, sprach aber gleichzeitig von Offenheit. Dass sich Arroganz und Offenheit nur schlecht vertragen, ist ihm offenbar nicht bewusst. Mut gab jedenfalls, dass Turner insgesamt am wenigsten und verhaltensten Applaus bekam.

Bei Herrn Hermann wurde deutlich, dass er sich, wie er selbst sagte, intensiv mit Computern beschäftigt und offenbar weniger mit Menschen. Seine Aussagen waren teilweise recht verschwurbelt und blieben am unkonkretesten von allen. Er erhofft sich, durch Sympathien den Piraten gegenüber doch einige Stimmen zu erhalten. Als Person halte ich ihn für komplett ungeeignet für das Amt des OB.

Fritz Kuhn erhielt viel Applaus, wobei sich die anfängliche fast schon Euphorie über den Abend hinweg nicht hielt, sondern sichtbar abebbte. Fritz Kuhn möchte vor allem das Amt für individuelle Gleichstellung, das als Stabstelle direkt dem OB angegliedert ist, mit weitreichenderen Durchgriffsrechten ausstatten. Außerdem will er natürlich Projekte und Angebote für Schwule und Lesben fördern, das Geld müsse allerdings erst erwirtschaftet werden. Was er damit implizit sagte, war, dass es zwar schön wäre, wenn man das Geld für Förderungen hätte, dass es aber Dank klammer Kassen wohl nichts geben wird. Auch er blieb im Theoretischen verhaftet und wurde selten konkret.

Hannes Rockenbauch wurde am konkretesten von allen. Er stellte Turner und WIlhelm ziemlich bloß, indem er von der gestrigen Gemeinderatssitzung erzählte. Dort ging es um neue Förderrichtlinien der Stadt für Bildungseinrichtungen. Die Schulhäuser sollten nur dann Geld von der Stadt erhalten, wenn sie sicherstellten, dass Religion, Herkunft, Geschlecht und wirtschaftlicher Hintergrund keine Rolle bei Entscheidungen der Einrichtungen spielen würden. Der Zusatz "sexuelle Orientierung" wurde auf Betreiben der SPD/CDU/FDP-Fraktion gestrichen. Dies seien eben die kleinen Beispiele für noch immer vorhandene Diskriminierungen, die es gelte zu verhindern. Generell machte er eine gute Figur, indem er konkret über Probleme und Sachlagen in Stuttgart aus Gemeinderatssicht, aber auch als studierter Stadtplaner sprechen konnte. Das machte ihn am glaubwürdigsten von allen Kandidaten. Auch bei der Finanzierung von Fördermaßnahmen von schwul-lesbischen Initiativen wurde er konkret und meinte, dass es genügend Streichpotenziale gäbe, wo die Stadt falsch priorisierte und fehlgeleitete Investitionen getätigt hätte. Sei es Stuttgart21, sei es die LBBW, sei es der sechsspurige Ausbau der Heilbronner Straße.

Fritz Kuhn wollte das nicht gelten lassen. Auch er sei ja im Prinzip gegen Stuttgart21, allerdings sei es nicht nachhaltig, Projekte und Einrichtungen der Stadt durch einmalige Streichungen an den genannten Investitionen finanzieren zu wollen. Konkrete Aussagen dazu, wie er sie finanzieren wollte, blieb er jedoch schuldig und meinte, derartige Gelder müssten erst erwirtschaftet werden. Dieses Ungefähre hat das Publikum gespürt und ihn merklich Sympathien gekostet.

Jens Loewe schließlich kam äußerst sympathisch rüber und hat klug gesprochen. Inhaltlich stimmte er weitgehend mit Rockenbauch überein und bezog sich oft auf ihn. Doch auch seine Ausführungen waren teilweise zu theoretisch und zu abstrakt. 

Am Schluss wurde lange über das Hotel Silber diskutiert. Alle waren sich einig, dass in diesem Gedenk- und Lernort das Thema Schwulenverfolgung einen separaten Platz erhalten und aufgearbeitet werden müsste - und das nicht nur zur Zeit vor 1945, sondern weit darüber hinaus, denn immerhin wurde der §175, der Homosexualität unter Strafe stellte, gänzlich erst 1994 gestrichen. Dass es diesen Ort, wäre es nach CDU, FDP und SPD gegangen, gar nicht mehr geben würde, wurde schließlich von Hannes Rockenbauch richtigerweise thematisiert, nachdem alle Beteiligten so taten, als wäre der Erhalt des Hotel Silber eine Selbstverständlichkeit gewesen. Denn nur durch unnachgiebiges bürgerschaftliches Engagement konnte dieses Gebäude, das andernfalls Investoreninteressen zum Opfer gefallen wäre, gerettet werden.

Was bleibt? Turner ist unwählbar, Hermann ist blass, Wilhelm und Loewe verbleiben zu sehr im Ungefähren, Kuhn drückt sich als typischer Vollblutpolitiker um konkrete Antworten. Wie nicht anders zu erwarten, fand ich auch bei dieser interessanten Diskussion Hannes Rockenbauch am überzeugendsten und konkretesten.

Und auch hier gilt: oben bleiben!

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Sat, 14 Jul 2012 03:10:00 -0700 14.7.2012 Vom Politikwechsel und kleinsten Übel bei der OB-Wahl in Stuttgart #s21 http://zwuckelmann.posterous.com/1472012-vom-politikwechsel-und-kleinsten-ubel http://zwuckelmann.posterous.com/1472012-vom-politikwechsel-und-kleinsten-ubel

Die OB-Wahl in Stuttgart naht. Und natürlich denke ich oft darüber nach, wen ich wählen soll - oder ob ich überhaupt wählen soll.

Grundsätzlich ist diese OB-Wahl so urdemokratisch wie kaum eine andere Wahl, da hier Privatpersonen antreten und keine Parteien oder Listen gewählt werden. Jeder darf sich aufstellen lassen, wenn er denn nur 250 Unterstützer findet. Der Frust, den man gegenüber der “Parteiendemokratie” zurecht haben kann, zieht bei dieser Wahl nicht, denn jeder, der meint, die OB-Wahl hätte doch keinen Sinn und es würden eh wieder nur die üblichen Parteisoldaten gewählt, kann sich einfach selbst aufstellen und es besser machen. Demokratischer geht es also eigentlich gar nicht.

Doch bei aller schönen Theorie bin ich doch sehr skeptisch und vorsichtig. Denn auch wenn sowohl Turner als auch Wilhelm als parteilose Kandidaten so tun wollen, als ob sie von den sie unterstützenden Parteien unabhängig wären, spielen Parteien in dieser Wahl natürlich eine entscheidende Rolle. Fritz Kuhn ist Parteisoldat und hat eine sehr lange Parteikarriere hinter sich. Dass er etwas gegen den Willen oder gegen Beschlüsse seiner Partei unternimmt, ist deshalb äußerst unwahrscheinlich. Spätestens seit der Volksabstimmung reagiere ich jedoch gegenüber Parteien ziemlich allergisch!

Dabei muss sich der OB an keine Parteibeschlüsse halten, denn er kandidiert als Person, nicht als Parteimitglied, der OB ist in seinen Entscheidungen grundsätzlich an keine Partei gebunden. Er ist oberster Verwaltungschef und sitzt dem Gemeinderat vor. Und selbst diesem ist er nur sehr eingeschränkt zur Rechenschaft verpflichtet.

Es gibt fünf Prämissen, die für meine Stimmabgabe entscheidend sind:

 

  1. Ich will einen Politikwechsel - nicht nur in Person, sondern auch in Verfahren und Stil. Die Bürger müssen wieder im Mittelpunkt stehen, nicht Einzelinteressen. Wirtschaft ist wichtig, aber beileibe nicht alles!
  2. Ich wähle niemanden nur deshalb, um Sebastian Turner zu verhindern! Ich wähle nicht, um zu verhindern, sondern um neuem eine Chance zu geben. Ich will “meinen” Wunschkandidaten zum OB zu machen!
  3. Ich wähle kein “kleineres Übel”, denn Übel bleibt Übel! Ich wähle meinen Kandidaten und niemanden sonst!
  4. Ich will, dass der neue OB alles daran setzt, um S21 zu verhindern. Möglichkeiten dazu hat er reichlich, er muss sie nur nutzen! (Rechtliche Überprüfung der Verträge, genaue Gutachten und Stellungnahmen der städtischen Behörden zu den diversen Risiken von S21 etc.)
  5. Ich wähle nur einen glaubwürdigen Kandidaten, einen, von dem ich glaube, dass er nach der Wahl zu dem steht, was er vor der Wahl versprochen hat. Natürlich gibt es keine Sicherheit, dass das dann wirklich auch so wird, aber letztlich bleibt einem bei Wahlen keine andere Möglichkeit als den Kandidaten ein Quentchen zu vertrauen.

Prämisse 1: Welcher der Kandidaten steht nun für einen neuen, bürgernahen, kritischen Politikstil?

  • Sebastian Turner sicher nicht, auch wenn er parteilos ist. Er hat sich sein gesamtes Leben über genau in diese bestehenden Verhältnisse eingepasst und mit seinen jungen Jahren unglaublich viel Erfolg gehabt, bewegt sich perfekt in Wirtschaft und Politik, ist “gut vernetzt” und wird deshalb genauso weiter mauscheln, wie sein Vorgänger. Er kennt es nicht anders und er kann es nicht anders! Ein Wandel hin zu mehr Transparenz, mehr Bürgernähe, mehr kritischem Geist ist von ihm nicht zu erwarten.
  • Bettina Wilhelm tritt parteilos für die SPD an. Als Frau traue ich ihr grundsätzlich zu, einen anderen Politikstil ins Rathaus zu bringen - aber ich fürchte, dass der Wandel nicht tief genug ist. Sie wird sicher anders regieren als Schuster, sie wird aber keinen grundsätzlich anderen, ehrlicheren, bürgernäheren Politikstil auch gegen Widerspruch durchsetzen. Dafür halte ich sie für zu technokratisch und als Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall zu eingeübt in die bestehenden Verfahrensweisen. Und schließlich sollte sie wissen, dass es gerade in Stuttgart sehr viele Menschen gibt, die bei dem Ausdruck “ich werbe für” allergisch reagieren, gab es doch seinerzeit eine Ministerin, die dieses Ausdruck überstrapazierte. Leider beginnt gleich der erste Satz auf Ihrer Bewerberhomepage mit diesem Ausdruck. Das zeigt, dass Sie nicht wirklich tief in Stuttgart verwurzelt ist.
  • Fritz Kuhn als strammer Parteisoldat ist mit den Grünen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er selbst bezeichnet sich als wertkonservativ und versucht, mit derselben Masche wie seinerzeit Kretschmann die Wähler zu umwerben. Als Vollblutpolitiker wird er keinen neuen Politikstil ins Rathaus bringen, ganz im Gegenteil ist zu befürchten, dass er genauso wie Kretschmann nach der Wahl viele seiner Wähler zutiefst enttäuschen wird.
  • Hannes Rockenbauch hat oft genug seinen Querkopf bewiesen. Er kandidiert nicht als Kandidat einer Partei, sondern einer Wählerinitiative. Obwohl er bereits viele Jahre im Gemeinderat sitzt und sich bereits das ein oder andere Politikergehabe angewöhnt hat, traue ich ihm durchaus zu, neuen Wind ins Rathaus zu bringen und kritisch und ehrlich eingeübte Verfahren, die er zur Genüge kennt, zu hinterfragen und zu ändern. Wie groß der Einfluss der Linken auf ihn ist, ist durchaus fragwürdig und eine der wenigen Kritikpunkte, die ich an ihm habe.
  • Jens Loewe wird mit Sicherheit versuchen, mehr Demokratie ins Rathaus zu bringen. Er ist zwar verwaltungstechnisch unerfahren, kann dafür aber auch als komplett unbeleckt und unvorbelastet gelten. Dieser Vorteil kann jedoch leicht als Nachteil gesehen werden, denn vielleicht ist zu vieles einfach zu neu für ihn, so dass er aus Unsicherheit und Unerfahrenheit an den bestehenden, in Stuttgart lange eingeübten Verfahren festhält und letztlich nicht so durchsetzungsfähig ist, wie es ein OB sein müsste.
  • Harald Hermann bringt als Kandidat der Piraten das leicht chaotische Verfahren der Liquid Democracy ins Rathaus. In wie weit er nachhaltig neuen Wind und neue Verfahren etablieren kann, kann ich nicht beurteilen, da er auf mich den blassesten Eindruck von allen macht.

 

Prämisse 2: Ich wähle niemanden nur deshalb, um Sebastian Turner zu verhindern! Viele Menschen meinen, sie müssten Fritz Kuhn wählen, um Sebastian Turner zu verhindern. Das ist ein von Fritz Kuhn selbst geschickt lanciertes Argument - das aber leider vollkommen falsch ist. Jede abgegebene Stimme, die nicht an Turner geht, macht Turners Wahl unwahrscheinlicher. Genauso wie jede Stimme, die nicht an Fritz Kuhn geht, seine Wahl unwahrscheinlicher macht. Gerade im ersten Wahlgang zählt jede Stimme - unabhängig davon, wohin sie geht! Je höher die Wahlbeteiligung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass im ersten Wahlgang keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhält. Erst im zweiten Wahlgang kann man sich solche wahltaktischen Überlegungen machen. Aber auch im zweiten Wahlgang gilt für mich: lieber wähle ich gar nicht, als jemandem meine Stimme zu geben, um jemand anderen zu verhindern.

Eng damit zusammen hängt die dritte Prämisse: Ich wähle kein kleineres Übel! Denn Übel bleibt Übel, das sollte man nie vergessen. Und um es ganz klar zu sagen: Fritz Kuhn ist für mich kein kleineres Übel, sondern vor allem ein besonders unberechenbares Übel! Wenn es im zweiten Wahlgang auf eine Wahl zwischen Turner und Kuhn hinauslaufen sollte, werde ich keinem der beiden meine Stimme geben, denn ich will weder Kuhn noch Turner als OB. Und wie unter der zweiten Prämisse dargestellt, werde ich nicht Fritz Kuhn wählen, um Sebastian Turner zu verhindern. Lieber noch soll Turner OB werden, da weiß ich wenigstens, woran ich bin. Stuttgarter, die Kuhn als kleineres Übel wählen, müssen damit rechnen, dass er sich als größtes Übel entpuppt! Nach der Landtagswahl habe ich mir vorgenommen, nie wieder Grün zu wählen und das gilt auch für die OB-Wahl.

Die vierte Prämisse engt die Kandidatenauswahl deutlich ein. Der OB von Stuttgart kann, wenn er will, S21 verhindern, da bin ich mir sehr sicher. Er kann geschlossene Verträge rechtlich prüfen lassen, er kann seinen Behörden Anweisungen geben, wie mit Prüfverfahren umzugehen ist und er kann dafür sorgen, dass die Bahn alle Karten auf den Tisch legen muss. Turner und Wilhelm wollen S21 bauen, Kuhn will eigentlich nicht, fühlt sich aber unfähig, gegen S21 etwas zu tun - und er wird auch als OB nichts derartiges tun, sondern immer in Rücksprache mit der Landesregierung handeln. Bleiben als Alternativen Rockenbauch und Loewe, beide erklärte S21-Gegner. Wenn ein OB gegen S21 tätig wird, dann einer dieser beiden.

Die fünfte Prämisse ist sehr subjektiv, denn wie glaubwürdig ein Kandidat wirkt, ist individuell unterschiedlich. Für mich am glaubwürdigsten ist Jens Loewe, gefolgt von Hannes Rockenbauch. Alle anderen Kandidaten haben ihre Glaubwürdigkeit ein gutes Stück weit durch ihre Parteinähe bzw. Parteimitgliedschaft oder durch ihr zu kritikloses Mitspielen bei den postdemokratisch verbogenen Verfahren eingebüßt.

Und schließlich: Interessant ist für mich bei jeder Wahl, wie stark Kandidaten persönlich involviert sind in die Sache, für die sie sich engagieren wollen. Eine einfache Frage zeigt, wie stark die Verwurzelung der Kandidaten hier in Stuttgart ist: Wo werden die Kandidaten, die nicht OB geworden sind, nach der Wahl wohnen und leben?
Herr Turner wird sicher wieder in Berlin leben oder in New York oder in Hong Kong oder in Dubai, Frau Wilhelm wird in Schwäbisch Hall bleiben, Fritz Kuhn wird seine Karriere in Berlin weiter verfolgen - allein Hannes Rockenbauch und Jens Loewe leben bisher in Stuttgart und werden auch nach der OB-Wahl in Stuttgart leben. Ihnen zumindest kann man nicht absprechen, dass es ihnen wirklich um ein besseres, menschlicheres, sozialeres, ökologischeres und lebenswerteres Stuttgart geht. 

Deshalb werde ich im ersten Wahlgang voraussichtlich Hannes Rockenbauch wählen, weil er durch seine jahrelange Erfahrung als Stadtrat gut weiß, wie im Rathaus Entscheidungen entstehen, wo die Fäden zusammenlaufen und auch wo überall der Schuh in Stuttgart drückt. Manche sagen, er hätte keine Chancen. Für mich ist es dennoch die Mühe Wert, ihn aktiv zu unterstützen! Zumal ich mir nicht so sicher bin, ob er wirklich so wenig Chancen hat. Bei der Volksabstimmung haben mehr Stuttgarter mit Ja gestimmt, als der jetzige OB Schuster im zweiten Wahlgang Stimmen auf sich vereinigen konnte! Deshalb möchte ich es wenigstens versuchen. Wie ich mich im zweiten Wahlgang, den es hoffentlich gibt, entscheiden werde, hängt vor allem davon ab, wer dann noch antritt. Lesenswert sind übrigens Rockenbauchs NachDenkZettel, der zweite ist gerade erschienen.

Oben bleiben!

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