Widerstand und Dosenbier - eine Erwiderung #s21
Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass sich Journalisten und Reporter für den Widerstand gegen Stuttgart21 und seine vielen Ausprägungen interessieren. Als ich den freien Journalisten Philip Elsbrock früh morgens bei einer Demonstration am GWM ansprach, freute ich mich, dass sogar Journalisten aus Hamburg hier in den tiefen Süden der Republik kommen, um über uns zu berichten. Ahnen konnte ich damals nicht, dass Herr Elsbrock für die Stuttgarter Zeitung arbeitete. Er äußerte sich hierzu auch nicht, er sei freier Journalist und würde eben einen Artikel schreiben. Hätte ich gewusst, dass er für die StZ unterwegs ist, ich hätte mich wahrscheinlich etwas zurückhaltender verhalten, sind wir von dieser Lokalzeitung doch nicht die objektivste Berichterstattung gewohnt.
So wunderte mich die Tonalität und Oberflächlichkeit seines Berichts auch nicht, als ich ihn vor wenigen Tagen in der StZ lesen konnte - anderes habe ich in dieser Zeitung nicht erwartet. Herr Elsbrock hat übrigens vor wenigen Jahren einen Journalistenpreis für eine Sozialreportage erhalten. Wenn ich mir jetzt diesen Artikel in der StZ über die Zeltstadt durchlese, ist es für mich nicht ersichtlich, wie das passieren konnte, denn meines Erachtens fehlt dem Artikel das wichtigste, was für eine Sozialreportage notwendig ist: Empathie und Verständnis. Beides geht diesem Bericht ab, weshalb Elsbrock seinem Thema absolut nicht gerecht wird.
Das erste Missverständnis liegt darin, dass Herr Elsbrock von "Campingplatz" spricht. Dies impliziert Urlaub, Freizeit, geordnete Zeltplätze, mehr oder weniger gepflegte Sanitäranlagen. Doch im Mittleren Schlossgarten gibt es keinen Campingplatz. Was sich hier entwickelt hat, ist ein Widerstandscamp, das aus unterschiedlichsten Gruppen besteht und im Kern das Ziel hat, den Park vor Baumfällungen zu schützen. Dadurch, dass seit dem 30.09.2010 die Polizei sehr zurückhaltend mit Einsätzen im Schlossgarten ist, zieht dieses Camp natürlich auch viele gesellschaftliche Randgruppen an, die sich einerseits mit dem Widerstand solidarisiert haben und andererseits Ruhe vor polizeilicher Verfolgung suchen und im Schlossgarten finden. Deshalb steht auch nicht bei jedem Parkbewohner der Schutz der Bäume im Vordergrund.
Dass Herr Elsbrock uns dann erzählt, wie er sein Zelt genau dort aufbaut, wo andere Menschen zur Verrichtung ihrer Bedürfnisse hingehen, kann nur verwundern. Warum sucht er sich genau diesen Flecken aus? Ist er am Sozialgebilde der verschiedenen Widerstandscamps im Park interessiert oder an deren zwangsläufigen, teilweise sicher sehr unangenehmen Randerscheinungen? Am Rande: warum schreibt er nicht darüber, dass die Campbewohner durchaus versuchen, diese Probleme in den Griff zu bekommen, indem an verschiedenen Stellen Dixi-Klos aufgestellt werden und in vielen Diskussionen solche und viele andere Themen diskutiert werden??
Seine Beschreibungen der Menschen, denen er in den Zeltburgen begegnet, werden den Menschen überhaupt nicht gerecht. Ein Frank wird beschrieben mit "wächsernem Gesicht", "Schwammbauch" und mit "fettigem Haar". Er ist, wie alle anderen Bewohner, "an den Rand der Gesellschaft gekullert." Eine ernsthafte Reportage kann einen solchen Satz doch nicht einfach so fallen lassen! Warum hinterfragt Herr Elsbrock nicht, was passiert ist, dass sich diese Personen am Rand der Gesellschaft befinden? Was sind das für Schicksale, die sich dort im Schlossgarten gefunden haben? Diese Notwendigkeit verpasst Herr Elsbrock und bleibt bei reinen Oberflächlichkeiten. Das Wort "kullern" klingt darüber hinaus nach Spiel, nach einer nicht vorhergesehenen, fast schon lustigen Bewegung. "Ups" möchte man sagen und sich amüsiert die Hand vor den Mund halten, wenn etwas "kullert". Dass die Punks Herrn Elsbrock aus ihrem Kreis hinaus komplimentierten, zeigt nur, wie feinfühlig diese Gruppe ist für das, was gut für sie ist und für das, was ihr schadet. Wie vorausschauend!
Bei dem Bericht über die morgendlichen Demonstrationen und Blockadeaktionen geht es in dieser Oberflächlichkeit weiter. Natürlich richtet sich unser täglicher Protest gegen die Milliardenverschwendung und für den Erhalt des Kopfbahnhofs. Aber wir empfinden diese Aktionen nicht als "Protestpflicht", wie Elsbrock schreibt, die schnell vor der Arbeit erledigt wird. Im Gegenteil ist dieser Protest ein tiefes Bedürfnis und keine Pflicht. Sie entspringt der großen Enttäuschung und Empörung über die Vorgänge rund um das Projekt Stuttgart21, über die vielen Lügen, die selbst heute noch verbreitet werden, über die Kriminalisierung des Protests. Davon schreibt Herr Elsbrock leider kein Wort. Ganz im Gegenteil beschreibt er am Ende eine Situation, die eben nicht stellvertretend für unseren Widerstand ist. Sachbeschädigung und Sabotage gab es bisher so gut wie nicht - und dennoch endet Herrn Elsbrocks Reportage eben mit einer derartigen Äußerung und lässt den Leser in dem Eindruck, dass hier tatsächlich Kriminelle am Werk wären.
Insgesamt frage ich mich, ob Herr Elsbrock wirklich glaubte, mit zwei Übernachtungen einem derart komplexen sozialen System wie dem Zeltdorf im Park gerecht werden zu können. Einen realitätsnahen Einblick liefert er nicht, der Artikel erklärt nichts, der Leser ist danach so klug als wie zuvor. Was am Ende hängen bleibt, ist ein eher negativer, auf reinen Oberflächlichkeiten basierender Gesamteindruck über das Leben im Park. Es wird nicht erwähnt, wie sehr die Bewohner der Zelte darum ringen, eine gewisse Ordnung zu gewährleisten (und dies auch schaffen!), wie viel über das Projekt Stuttgart21 selbst als auch über das Zusammenleben im Park diskutiert und reflektiert wird. Im Park zu wohnen ist eben nicht mit zwei Übernachtungen auf einem Campingplatz zu vergleichen, nicht mit zwei Übernachtungen in seiner Komplexität zu begreifen und nicht mit zwei Übernachtungen hinreichend zu beschreiben. Entweder war es reine Dummheit des Autors oder aber naive Überheblichkeit eines ehemaligen Preisträgers - anders ist dieser platte, inhaltsleere und nichts erklärende Artikel selbst nicht zu erklären. Einen Preis wird er hierfür sicher nicht erhalten.
Oben bleiben!